Nehmen, Setzen, Transformieren

eine Einführung in die Aneignung des Raums

Clara von den Driesch //  Teilhabe & Verdrängung // Lesezeit: 02 Min.

Der Begriff Aneignung ist so vage wie weit verbreitet. Wir eignen uns Wissen an, einen zurückgelassenen Stift oder diese eine Parkbank. Interessant dabei ist insbesondere die Aneignung des Öffentlichen Raums. Ab wann können wir von Aneignung sprechen und wie geben wir dem Ausdruck in stadtplanerischer Hinsicht einen Rahmen?

Aneignung als Selbstbestimmung

Die räumliche und soziale Umwelt ist das Objekt jeder Aneignung. Als Tat eines selbstbestimmten Individuums oder einer Gruppe wird dieser Raum erschlossen und greifbar gemacht. Davon ausgehend wird der Raum verändert und zu eigen gemacht. Dies ist ein aktiver Prozess, der eine Auseinandersetzung und Beeinflussung des Raumes zur Folge hat (Deinet & Reutlinger, 2014). Aneignungsprozesse können bereits im Kleinen beobachtet werden, wie das Beschreiten eines öffentlichen Platzes. Da Prozesse häufig Bezug zum Raum haben, beeinflussen oder interpretieren sie diesen und stellen somit eine Aneignung dar (Schenk, 2014). Allerdings sind in der folgenden Arbeit bewusste Prozesse, wie das Treffen einer Gruppe auf dem öffentlichen Platz, von zentraler Bedeutung. Sie zeigen, dass eine aktive Beeinflussung des Öffentlichen Raums möglich ist. Die Ausgestaltung ist dabei immer individuell und ablesbar an den Erfahrungen der aneignenden Person (Deinet & Reutlinger, 2014).

Aneignung als politischer Prozess

Henri Lefevbre zählte in seinem Werk „Le droit a la ville“ (1968) die Tätigkeit der Aneignung als unumgänglichen Bestandteil des Öffentlichen Raums mit. Dabei könne Aneignung zwar in einem demokratischen Prozess erfolgen, müsse allerdings im Extremfall auch erkämpft werden. Dadurch könnten Räume, die bereits in ihrer Nutzung und Zugehörigkeit geprägt sind, grundlegend umgewandelt werden (Lefebvre & Schäfer, 2016). Aus einer passiven Haltung gegenüber dem (gestalteten) Öffentlichen Raum, dersich für die gewünschte Nutzung eignet oder auch nicht, entsteht eine aktive Mitgestaltung des Öffentlichen Raums (Remmert, C. & Kokoula, X., 2014). Insbesondere können da Bewegungen ab den 1970ern als Beispiel dienen, die eine Emanzipation, Selbstverwirklichung und Sozialisation zum Ziel hatten (Hauck, T.& Hennecke, S., 2017).

Aneignung als Nutzbarmachung

Nach Ulfert Herlyn bedeutet der Prozess der Aneignung eine Anpassung der Umwelt an die individuellen Bedürfnisse in Anbetracht der bestehenden Raumkonstellation. Die Aneignung muss sich also ebenso an die Umgebung anpassen, wie sie die auch die Umgebung umwandelt (Herlyn, Seggern, Heinzelmann, & Karow, 2003). Der Raum wird demnach verändert und umfunktioniert. Indem die unpassende Umgebung aktiv umgenutzt wird, werden unbefriedigte Bedürfnisse ausgeglichen (Herlyn & Wüstenrot Stiftung Deutscher Eigenheimverein, 2003). Was nicht passt, wird passend gemacht.

Aneignung kannst auch Du!

Bau doch zum Beispiel mal Möbel für den Öffentlichen Raum. So haben das im Juni 2018 Studierende an der Universität Kassel gemacht. Unter dem Motto “Teilen und Verweilen” entstanden Tische, Bänke und Stühle während eines zweitägigen Workshops. Die Teilnehmenden meinten: Neue, andere und flexible Möblierung braucht der Campus. Sie kann bewegt, ergänzt und benutzt werden. Im Sinne von Aneignungsprozessen kann sich die Bank genommen werden und an einen Lieblingsplatz gestellt werden. Der große Tisch wird fürs Arbeiten, Essen und als WG-Küchentisch im Freien genutzt. Also geh raus, baue Möbel, teile Möbel und verweile im Öffentlichen Raum!

  • Deinet, U., & Reutlinger, C. (Hrsg.). (2014). Tätigkeit-Aneignung-Bildung: Positionierungen zwischen Virtualität und Gegenständlichkeit. Wiesbaden: Springer VS.
  • Hauck, Thomas, & Hennecke, Stefanie. (2017). Aneignung urbaner Freiräume: ein Diskurs über städtischen Raum. (Körner, Stefan, Hrsg.). Bielefeld: Transcript.
  • Herlyn, U., Seggern, H. von, Heinzelmann, C., & Karow, D. (2003). Jugendliche in öffentlichen Räumen der Stadt: Chancen und Restriktionen der Raumaneignung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Abgerufen von //www.springer.com/de/book/9783810040442

  • Herlyn, U., & Wüstenrot Stiftung Deutscher Eigenheimverein (Hrsg.). (2003). Jugendliche in öffentlichen Räumen der Stadt: Chancen und Restriktionen der Raumaneignung.
  • Ludwigsburg : Opladen: Wüstenrot Stiftung ; Leske + Budrich.
    Lefebvre, H., & Schäfer, C. (2016). Das Recht auf Stadt. (B. Althaler, Übers.) (Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage). Hamburg: Edition Nautilus.

  • Remmert, C., & Kokoula, X. (2014). Die Stadt tanzt! Über den Prozess der Raumproduktion durch illegale Partys in Berlin. sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, 2(2), S. 115-120.

  • Schenk, S. (2014). Sitzen im öffentlichen Raum Die soziologische Aneignung einer Haltung. Saarbrücken: AV Akademikerverlag. Abgerufen von http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:101:1-201405236808