Barrierefreie Planung- Hürden im Entwurf

Vivienne Graw// Teilhabe & Verdrängung // Lesezeit: 03 Min.

Im Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes ist 1994 die Grundlage zur Inklusion von beeinträchtigten Menschen geschaffen worden. Die Aussage „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ wird im Behindertengleichstellungsgesetz noch konkretisiert. Dort wird die Forderung nach der Herstellung von Barrierefreiheit in den Bereichen Bau und Verkehr und nach einer barrierefreien Informationstechnik gestellt.

Barrierefreiheit ist gewährleistet, wenn Menschen, die in ihren Bewegungsmöglichkeiten, ihrer Wahrnehmung oder ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt sind, in keinster Weise durch ihre Umwelt beeinträchtigt werden. Dies umfasst z.B. den barrierefreien Straßenraum, die digitale Barrierefreiheit und Gesetzestexte in leichter Sprache.

Barrierefreie Planung

Als angehende Planer*innen wird es unsere Aufgabe sein, die gesetzlich vorgeschriebene barrierefreie gebaute Umwelt umzusetzen. Dies setzt voraus, dass wir nicht für den „durchschnittlichen Menschen“ planen, sondern fähig sind, die Welt aus der Sicht einer beeinträchtigten Person zu sehen. Sowohl Bewegungs-, als auch Wahrnehmungs-, und kognitive Einschränkungen sind zu beachten. (Kohlbecker, 2011)

Ziel der Barrierefreiheit ist die Integration der betroffenen Personen in tägliche Lebensabläufe. Der Anteil von Personen mit Behinderung belief sich 2014 auf 18,4% in Deutschland, durch den demografischen Wandel ist die Tendenz steigend und die Umwelt muss auch an die Bedürfnisse von Senior*innen angepasst werden. (Kohlbecker, 2011)

Barrierefreiheit im Entwurf

 

Einschränkungen werden für den Entwurfsprozess in drei Kategorien eingeteilt. Motorische Einschränkungen betreffen Bewegung und Mobilität, sensorische Einschränkungen die Sinneswahrnehmung, kognitive Einschränkungen die mentale Verarbeitung und das Gedächtnis. Als Planer*in kann es sich als sehr hilfreich erweisen, mithilfe eines Rollstuhls oder einer Seh- bzw. Hörbehinderung die verschiedenen Arten der Behinderung nachzuvollziehen. (Skipa & Züger, 2016)

 

Ebenso wie Einschränkungen lassen sich die Arten von Barrieren kategorisieren. Demnach gibt es Barrieren in der Bewegung, Bedienung und der Orientierung.

 

Barrieren aus der baulichen Umgebung können in Form von Höhenunterschieden, fehlenden Bewegungsflächen oder schmalen Durchgangsbreiten auftreten. Vertikale Barrieren lassen sich überall finden, z.B. kann sich das Betreten von öffentlichen Verkehrsmitteln als unmöglich erweisen, wenn die entsprechenden barrierefreien Zugänge fehlen. Vor allem bei Durchgangsbreiten und Bewegungsflächen können sich die Anforderungen stark ändern, z.B. können sich Rollstuhlfahrende nicht an einem auf dem Gehweg parkenden Auto vorbeizwängen oder durch Türen fahren, die beim Öffnen in den Stellbereich des Rollstuhles schwingen. (Skipa & Züger, 2016)

 

Barrieren in der Bedienung, sprich die Anordnung von Bedienelementen und visuellen Informationen, können sich als ebenso unüberwindbar herausstellen wie eine Treppe. Für Rollstuhlfahrer*innen, Kinder und Klein- bzw. Großwüchsige können sich Tür- und Fenstergriffe, Lichtschalter, Steckdosen, Sanitärobjekte oder Fahrstuhlbedienfelder als unnutzbar erweisen. (Skipa & Züger, 2016)

 

Barrieren in der Orientierung betreffen vor allem Menschen mit sensorischen Einschränkungen, d.h. mit eingeschränktem Sehsinn oder Gehör. Zum einen sind visuelle Barrieren ein großes Problem, da der Sehsinn einer der wichtigsten Sinne für die Wahrnehmungen im Alltag ist. Angefangen von Haltestellen im öffentlichen Verkehr, über Klingelschilder bis hin zu Notausganginformationen, stellt sich vieles als große Herausforderung dar. Vor allem laute und unbekannte Straßen- und Innenräume können ein Problem darstellen. Zu beachten ist, dass das Verändern von Räumen eine große Gefahr birgt, da blinde Personen sich oft auf ihr Gedächtnis verlassen, wenn sie in bekannten Räumen unterwegs sind. Ebenso stellen akustische Barrieren hörgeschädigte Menschen in allen Formen der Kommunikation vor beachtliche Herausforderungen. Im Öffentlichen Raum lauern viele potenzielle Gefahren für Gehörlose, z.B. das Verpassen von Ansagen in öffentlichen Verkehrsmitteln, Brandmelder oder Sirenen. Um die Barrieren in der Orientierung zu umgehen, kann nach einem Zwei-Sinne-Prinzip vorgegangen werden. Anstatt zu sehen, sollen die Informationen gehört und ertastet werden und anstatt zu hören, soll gesehen und getastet werden. (Skipa & Züger, 2016)

 

Nicht nur die anfangs beschriebene gesetzliche Grundlage sollte Planer*innen dazu bewegen, barrierefrei zu planen, sondern auch, um ein Zeichen für Inklusion und Integration zu setzen. In Zeiten des politischen Umbruchs, der Radikalisierung und der finanziellen Spaltung Europas ist es besonders wichtig zu zeigen, dass ganze Gruppen der Gesellschaft nicht abgehängt und ausgegrenzt werden, sondern einen festen Platz in unserer Mitte haben. Das Beachten ihrer Belange und Probleme sollte Priorität einer jeden Planung sein. Vor allem das Einbeziehen der betroffenen Menschen als Expert*innen, nach dem Motto “nicht planen für, sondern mit”, sollte qualitative barrierefreie Planung auszeichnen.