Warum die Stadt aufhören muss zu wachsen

Johannes Michaelis // Abseits der Straße // Lesezeit: 03 Min.

Fläche ist eine begrenzte und dementsprechend wertvolle Ressource. In Anbetracht der wachsenden Weltbevölkerung, des kontinuierlichen Trends der Urbanisierung und des menschengemachten Klimawandels muss Fläche – wie jede andere endliche Ressource –  mit Bedacht genutzt werden.

Für den Menschen ist dies historisch betrachtet ein komplett neuer Umstand: Seit seiner Entstehung in Ostafrika stieß er auf der Suche nach Nahrung und Lebensraum auf unentdeckte, scheinbar unbegrenzte Flächen. Jahrtausende vergingen, bis der Homo Sapiens das heutige Europa, Asien, Ozeanien und schließlich die amerikanischen Kontinente entdeckte und bevölkerte. Der Mensch ist es also evolutionsbedingt gewohnt, immer neue Flächen für die Erfüllung seiner Bedürfnisse zu beanspruchen. (Harari 2013)

 

Gründe für die steigende Flächeninanspruchnahme

Heute leben etwa 7,6 Milliarden Menschen auf der Welt. Während im Jahr 2017 weltweit ca. 59 Millionen Menschen starben, wurden 149 Millionen geboren (Countrymeters 2018). Das jährliche Bevölkerungswachstum entspricht derzeit also in etwa der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Es liegt auf der Hand, dass mehr Menschen auch mehr Fläche beanspruchen. Zu Beginn der 2000er Jahre lebten etwa 6,13 Milliarden Menschen auf der Welt (UN DESA 2017a). Je nach Betrachtungsweise benötigten diese zwischen 1.510 und 1.611 Mha (Mega-Hektar = 1.000.000 Hektar) für landwirtschaftliche und zwischen 66 und 351 Mha für Siedlungsflächen (National Academy of Sciences 2009). Wenn die Weltbevölkerung 2030 auf 8,55 Milliarden Menschen gestiegen ist (UN DESA 2017b), werden im Vergleich zum Jahr 2000 insgesamt weitere 81 bis 147 Mha als landwirtschaftliche und 48 bis 100 Mha als Siedlungsfläche benötigt (National Academy of Sciences, 2011). Zum Vergleich: Deutschland hat eine Fläche von 35,74 Mha.

Die stetig steigende Flächeninanspruchnahme durch den Menschen ist jedoch nicht allein durch das Bevölkerungswachstum begründet. Gerade in den entwickelten und wohlhabenden Ländern der Erde hat sich die Flächeninanspruchnahme zusehends vom Bevölkerungswachstum entkoppelt. Wandelnde Lebensstile und steigende Bedürfnisse steigern den Flächenbedarf der Menschen. Dies spiegelt sich beispielsweise in der Wohnfläche je Einwohner*in wider: 1990 lag diese in Deutschland bei 34,8 m², heute sind es 46,5 m² (Statistisches Bundesamt 2017a). Ausschlaggebend hierfür ist die Zunahme der Einpersonenhaushalte. Während es 1990 11,86 Millionen Einpersonenhaushalte gab, stieg die Zahl bis heute auf beinahe 17 Millionen (Statistisches Bundesamt 2017b). Ein weiterer wichtiger Grund für die steigende Flächeninanspruchnahme in Deutschland ist die wachsende Zahl der Personenkraftwagen: In den vergangenen 28 Jahren hat sich der Bestand dieser von 30,685 Millionen auf 46,475 Millionen erhöht (KBA 2018).

Auswirkungen der Flächeninanspruchnahme durch den Menschen

Obwohl Fläche faktisch nicht verbraucht werden kann, wird Flächeninanspruchnahme häufig mit dem Begriff Flächenverbrauch gleichgesetzt. Dies ist insofern zutreffend, als dass natürliche Böden durch die Versiegelung von Siedlungs- und Verkehrsflächen wichtige Funktionen wie Wasserdurchlässigkeit und Fruchtbarkeit verlieren. Auch der Gasaustausch des Bodens mit der Atmosphäre wird eingeschränkt. Versiegelungen des Bodens können nur schwer rückgängig gemacht werden. (Umweltbundesamt 2013)

Die tägliche Flächenneuinanspruchnahme liegt in Deutschland bei etwa 62 Hektar, was umgerechnet etwa 88 Fußballfeldern entspricht (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit 2018). Vom ursprünglichen Ziel der Bundesregierung, den Wert bis 2020 auf 30 Hektar am Tag zu reduzieren (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit 2007), sind wir weit entfernt. Mittlerweile wurde die Erreichung des Zieles in der Neuauflage der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie auf 2030 datiert (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit 2018).

Um das Ziel dieses Mal zu erreichen, ist es von zentraler Bedeutung, die Bemühungen um Innen- vor Außenentwicklung zu forcieren. Kommunen haben sich deshalb auf die Entwicklung innerstädtischer Brachflächen und Leerstände zu konzentrieren. Zudem bedarf es der Entwicklung von Konzepten zur Entsiegelung und Renaturierung sowie der Reduzierung des allgemeinen Verkehrsaufkommens.

Die zusätzliche Flächeninanspruchnahme ist ein ernstzunehmendes Problem, das im Bewusstsein der Planer*innen verankert und bei zukünftigen Entscheidungen berücksichtigt werden muss.