Umkämpft und Umstritten - Der Öffentliche Raum im 21. Jahrhundert

Vivienne Graw, John Marquart, Clara von den Driesch // Grundlagen // Lesezeit: 04 Min.

In den Zeiten von explodierenden Immobilienpreisen, Gated Communities und Business Improvement Districts wird immer häufiger die Frage gestellt: „Wem gehört die Stadt?“. Damit einher geht auch die Diskussion um den Öffentlichen Raum. Was macht den Öffentlichen Raum aus?

Wir wollen den Öffentlichen Raum neu entdecken und uns aneignen, die Mobilität von morgen erforschen und die Umnutzung von Verkehrsflächen untersuchen. Dies setzt voraus, dass wir uns darüber im Klaren sind, wie wir den Öffentlichen Raum definieren. Dafür haben wir ausführlich diskutiert, uns mit verschiedensten Theoretiker*innen auseinandergesetzt und persönliche Erfahrungen einfließen lassen.Äußerlich betrachtet ist Öffentlicher Raum nicht mehr als unbebaute Fläche innerhalb einer Siedlungsstruktur. Diese Fläche muss allerdings diverse Eigenschaften besitzen, damit wir sie tatsächlich als Öffentlichen Raum bezeichnen können.

“Mit Stadtraum sind alle durch Bauten gebildete Hohlräume in Siedlungsstrukturen beschrieben”, Christa Reicher – “Städtebauliches Entwerfen”

Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass alle Formen der Nutzung im Öffentlichen Raum zulässig sind. Doch damit es zu den verschiedensten Nutzungen kommen kann, bedarf es einer intimen, familiären Grundstimmung, so dass sich die Nutzer*innen unbewacht und frei fühlen. Trotzdem sehen wir Exklusion nicht zwangsläufig als etwas Negatives an. Die Inanspruchnahme durch bestimmte Gruppen kann auch die Möglichkeit für die Entfaltung von Minderheiten bieten.

“(…) einige Formen der Exklusion sind notwendig für die Präsenz bestimmter Gruppen.”, David Madden – “Revisiting the End of Public Space”

Unter diesen Gesichtspunkten erscheint es grundlegend für funktionierenden Öffentlichen Raum, in ausreichenden Mengen zur Verfügung zu stehen. Die Ausgestaltung und Verteilung dieses Raums im Stadtbereich ist dabei zentral.

Umgang

Speakers Corner, Hyde Park, London: eine kleine Fußwege-Kreuzung innerhalb des berühmten innerstädtischen Parks. Hier wird der Diskurs gelebt. Redner*innen erheben sich auf selbst mitgebrachten kleinen Leitern über das vorbeilaufende Fußvolk und schildern ihre Weltanschauung. Ob Glaubensfragen, Politik oder Brexit. Die Spannbreite der Beiträge ist hoch und so auch der Anschauenswert. Seit 1872 gibt es diese Ecke durch einen Parlamentsbeschluss, der es erlaubte, ohne Voranmeldung Argumente lautstark auszutauschen. Ein vermeintlich kleiner Fleck in London, der so viel Gewicht hat, dass ein Parlamentsbeschluss dafür bedacht werden muss?

Die Betrachtung des jeweiligen Platzes, Kreuzung oder Grünfläche muss immer individuell erfolgen, um so die Verhältnismäßigkeit der jeweiligen Nutzung des Raumes sicherzustellen. Doch wie ist die Verhältnismäßigkeit herzustellen und was genau soll sie bezwecken? Es geht dabei vor allem um die Austestung von Grenzen und einen fortlaufenden Aushandlungsprozess. Dabei spielt die Aneignung der Nutzer*innen des Raums eine zentrale Rolle. Es ist schließlich nicht gesagt, dass der entstandene Raum so genutzt wird, wie er eigentlich gedacht war. Die Verhältnismäßigkeit ist eben dann gewährleistet, wenn der Raum so genutzt wird, dass der überwiegende Teil der Nutzer*innen mit der jeweiligen Nutzung einverstanden ist und so eine Art Mehrheitsentscheidung gefällt wird. Heutzutage ist diese Auseinandersetzung lebhafter denn je. Konsumzwang in Innenstädten, Überwachung im Öffentlichen Raum und Top-Down-Planung schränken die Freiheit und Nutzungsvielfalt des Raums ein, was den Unmut der Bevölkerung wachsen lässt und so die Auseinandersetzung mit dem Raum noch kontroverser macht.

Doch was können Planer*innen daraus lernen? Vor allem eines: Die Planung des Raums muss mit der Bevölkerung geschehen und eine Flexibilität besitzen, um die spätere, wenig absehbare Nutzung, nicht einzuschränken. So kann die Verhältnismäßigkeit der Nutzung und der Aushandlungsprozess dieser erleichtert werden.

Öffentlich ist nicht gleich Öffentlich

Die Schwierigkeiten in Definition und Umgang mit Öffentlichem Raum werden insbesondere bei der Betrachtung vermeintlich Öffentlicher Räume deutlich. Obwohl Charakteristika eines Öffentlichen Raums entsprechend, sind diese Räume nicht öffentlich. Dies führt zu einer Einschränkung in der Nutzung dieser Räume.

Ein Bahnhof mag zwar ein wichtiger Knotenpunkt der öffentlichen Mobilität sein, in Bahnhofsgebäuden gelten allerdings Hausordnungen. Hier können so bestimmte Nutzungen, wie ein längerer Aufenthalt von Personen, unterbunden werden. Meist in Form einer Public-Private-Partnership, wie auch Business Improvements Districts zeigen, finden sie einen festen Platz im Stadtgefüge. In der allgemeinen Wahrnehmung erscheinen diese Fläche allerdings meist weiterhin als öffentlich. Auffällig werden die Einschränkungen erst für ausgeschlossene Nutzer*innengruppen. Besonders in der Zugänglichkeit und Sichtbarkeit unterwandern sie damit die Grundprinzipien eines Öffentlichen Raums. 

Die Münchner Verkehrsgesellschaft hält an der Bahnsteigkarte fest, ein Relikt aus den 70er Jahren. Die Bahnsteige dürfen nur nach Bezahlung von 0,40 EUR betreten werden.

Die Einschränkung der Nutzung Öffentlicher Räume kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Insbesondere öffentlicher Nahverkehr nimmt für die Bevölkerung die Position eines Öffentlichen Raums in Bewegung ein. Hier treffen sich Gruppen, lesen, führen Unterhaltungen und verbringen häufig Stunden ihres Tages. Allerdings ist der Aufenthalt nur nach Erwerb eines gültigen Tickets möglich und es herrschen hier häufig rigide Nutzungsordnungen. Diese Einschränkungen werden nicht nur durch private Eigentümer*innen eingeführt. Auch auf städtischen Flächen werden durch den Einsatz unterschiedlicher Verdrängungsmechanismen Öffentliche Räume beschnitten.

Der Campus ist häufig ein pulsierender Teil der Stadt. Hier finden öffentliche Veranstaltungen statt und er ist der Lebensmittelpunkt vieler Studierender. Dieser Aufenthaltsort wird allerdings durch die Aufsicht eines Sicherheitsdienst eines privaten Unternehmens beeinflusst.

Auch Schulhöfe sind nur während der Schulzeit für Schüler*innen zugänglich. Diese Flächen, die häufig ein Treffpunkt für Jugendliche sind und aufwändig gestaltet werden, werden so aus dem öffentlichen Stadtgefüge genommen. Auch Friedhöfe werden durch die Einrichtung von Öffnungszeiten oder Sicherheitsdiensten in ihrer Zugänglichkeit beschränkt. In temporärer Form werden diese Einschränkungen auf Veranstaltungen im Stadtraum umgesetzt. Bei Großveranstaltungen auf Stadtplätzen wird so Eintritt verlangt, das Mitbringen von Getränken verboten und Menschen können des Platzes verwiesen werden.

Häufig werden vermeintlich Öffentliche Räume genau so genutzt wie Öffentliche Räume. Erst in Konfliktsituationen werden die Restriktionen deutlich.

 

 

 

  • Abbildung 1: eigenes Foto
  • Abbildung 2: