Das Park_Stübchen

Helen Hebing, Steffen Müller & Maximilian Frey //  Aktionen // Lesezeit: 06 Min.

Am Dienstag, den 10.07.2018, veranstalteten wir mit der Genehmigung des Ordnungsamtes eine kleine Aktion. In der Zeit von 11 bis 14 Uhr wandelten wir in der Gottschalkstraße drei Parkplätze in ein gemütliches Wohnzimmer um. Dadurch wurde eine Aufenthaltsfläche für alle geschaffen.

Aufnahmen vom Park_Stübchen

Mehr als ¾ des gesamten Straßenraums werden in Kassel für den fahrenden und ruhenden Verkehr genutzt (vgl. VEP 2030). Insgesamt gibt es über  100.000 zugelassene Kraftfahrzeuge in Kassel. Auf 1000 Einwohner*innen werden im Schnitt 372 PKW privat genutzt (vgl. Jahresbericht Kassel 2016). Das bedeutet, dass circa 37% der Bevölkerung 75% des vorhandenen Raums benutzen. Das sind erst einmal die Fakten.

 

Bei unserer Aktion ging es darum, zu zeigen, dass der Öffentliche Raum, der uns allen gehört, auch anders genutzt werden kann und diskutiert werden soll, wie wir in Zukunft mit diesem umgehen wollen. Viele Bewohner*innen in Kassel haben keinen eigenen Garten und wenn wir draußen im Sommer an der Luft und in der Sonne sein wollen, gibt es nur den Öffentlichen Raum. Deswegen ist die Frage, ob die begrenzte vorhandene Fläche überwiegend dem PKW zustehen sollte, wichtig.

Umweltauswirkungen eines Parkplatzes

Da wir uns zum Zeitpunkt der Aktion in der Redaktionsphase “Umwelt & Anpassung” befanden, haben wir das Thema Versiegelung durch Stellflächen unter dem Umweltaspekt betrachtet:

Bei unserer Aktion ging es darum, zu zeigen, dass der Öffentliche Raum, der uns allen gehört, auch anders genutzt werden kann und diskutiert werden soll, wie wir in Zukunft mit diesem umgehen wollen. Viele Bewohner*innen in Kassel haben keinen eigenen Garten und wenn wir draußen im Sommer an der Luft und in der Sonne sein wollen, gibt es nur den Öffentlichen Raum. Deswegen ist die Frage, ob die begrenzte vorhandene Fläche überwiegend dem PKW zustehen sollte, wichtig.

Durch den hohen Anteil an versiegelten Flächen sowie einer hohen Dichte an Gebäuden ist die Durchschnittstemperatur in mitteleuropäischen Großstädten im Durchschnitt etwa 2°C höher als im Umland – im Sommer sogar bis zu 15°C (Kowarik, Bartz, & Brenck 2016, S. 52)! Gerade bei der aktuellen Hitzewelle lässt sich dies spüren: Noch lange nach Sonnenuntergang kann man auf dem asphaltierten Boden oder an Hauswänden die gespeicherte Hitze fühlen, wohingegen es im Park viel schneller frisch wird sobald die Sonne weg ist. Asphalt und Beton speichern Wärme sehr viel besser als natürliche Böden und geben diese nachts langsam wieder an die umgebende Luft ab – dadurch entsteht der sogenannte städtische Wärmeinseleffekt/Urban Heat Island Effect) (Kowarik et al. 2016, S. 52 nach Bolund & Hunhammar 1999, S. 296).

Durch den Klimawandel hat sich die weltweite Durchschnittstemperatur bereits erhöht; zudem kommen Hitzewellen heute vier- bis fünf mal häufiger vor als zu vorindustriellen Zeiten (BMUB et al. 2017, S. 8). Mit den Temperaturen steigen auch die Gesundheitsrisiken – durch die Hitzeperiode im Jahr 2003 beispielsweise gab es mehrere Tausend Todesfälle sowie „zahlreiche hitzebedingte Krankheitsfälle aufgrund von Dehydrierung, Hitzschlag, Herz- und Kreislauferkrankungen“ (Schoen 2017).

Wegen dieser Gesundheitsrisiken und der sinkenden Lebensqualität urbaner Räume durch Hitzestress wird in Zukunft die Aufgabe immer dringender, gerade in verdichteten Räumen Versiegelung möglichst zu vermeiden und dafür mehr Grünräume zu schaffen. Besonders Straßen- und Parkbäume, aber auch andere Arten der Stadtvegetation können die Auswirkungen des starken Hitzestresses reduzieren: Zum einen senken sie durch ihren Schattenwurf die Lichteinstrahlung, zum anderen kühlen sie durch die Verdunstung (Evapotranspiration) von aufgenommenem Regenwasser die Umgebung ab (Kowarik et al. 2016, S. 52, 55). Ein großer Baum kann zum Beispiel bis zu 450 Liter Wasser pro Tag verdunsten (Bolund & Hunhammar 1999, S. 296)!

Je mehr Fläche versiegelt ist, desto mehr heizt sich die Luft bei Sonneneinstrahlung auf und desto weniger Pflanzen sind vorhanden, die dem so entstehenden Hitzestress entgegenwirken können.

Auch auf den Wasserhaushalt haben versiegelte Flächen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss: „Zum einen kann Regenwasser weniger gut versickern und die Grundwasservorräte auffüllen, zum anderen steigt das Risiko, dass bei starken Regenfällen die Kanalisation oder die Vorfluter die oberflächlich abfließenden Wassermassen nicht fassen können und es somit zu örtlichen Überschwemmungen kommt.“ (Wilke 2013)

In vielen Städten sinkt das Grundwasser sogar durch die hohe Versiegelung (Bolund & Hunhammar 1999, S. 297).

Ja, Reinigung – Pflanzen spielen in Städten eine wichtige Rolle für die Luft, die wir atmen. Wie wir alle in der Schule gelernt haben, wandeln Pflanzen (tagsüber) CO2 in Sauerstoff um – CO2 gibt es besonders in Städten viel, Sauerstoff brauchen wir zum Atmen. Außerdem haben sie die Fähigkeit, mit ihren Blattoberflächen gesundheitsschädlichen Feinstaub aus der Luft zu filtern. (Kowarik et al. 2016, S. 71 nach Givoni 1991)

Die gesundheitlichen Effekte von Schadstoffen in der Luft können durch die höhere Wärmebelastung in Städten sogar verstärkt werden (Kowarik et al. 2016, S. 71 nach Burkart et al. o. J.).

Pflanzen in der Stadt sind also effiziente Instrumente für bessere und gesündere Luft.

Auch auf die psychische Verfassung von Menschen kann die Beschaffenheit der Fläche in der Umgebung eine Auswirkung haben – versiegelt oder begrünt. Ein Beispiel dafür zeigt eine Studie, in der das Stresslevel von Menschen gemessen wurde, die zum einen einer natürlichen und zum anderen einer städtischen Umgebung ausgesetzt wurden. Wie schon zu vermuten, sank das Stresslevel der Versuchsgruppe in der natürlichen Umgebung deutlich, wohingegen das Level der anderen Gruppe konstant blieb oder sogar anstieg. (Bolund & Hunhammar 1999, S. 298 nach Ulrich et al. 1991)

Eine weitere Studie zeigte, dass Patient*innen in einem Krankenhauszimmer mit Fensterblick auf einen Park eine 10 % schnellere Genesung hatten und 50 % weniger Schmerzmittel brauchten im Vergleich zu Patient*innen in einem Zimmer mit Blick auf eine Hauswand (Bolund & Hunhammar 1999, S. 298 nach Ulrich 1984).

Die beschriebenen Auswirkungen beziehen sich natürlich nicht nur auf die Fläche von Parkplätzen, sondern auf die Gesamtversiegelung einer Stadt. Doch wie viel dieser Versiegelung ist wirklich notwendig, und wie viel könnte vermieden werden? 6,3 % der Fläche Deutschlands sind versiegelt (Stand 2011) – von den versiegelten Flächen gehen 50-70 % auf den Verkehr zurück (Wilke 2013).

Nach einer Umfrage der Mobilitätsplattform ubeeqo (WirtschaftsWoche 2016) werden in den 11 Städten in Deutschland mit den meisten geparkten Autos zwischen 8,3 % und 16,3 % der Verkehrsfläche zum Parken genutzt.

Gehen wir in Kassel von nur 5 % der Verkehrsfläche für die Parknutzung aus, wären dies bei einer Verkehrsfläche von 14,5 km2 (Stadt Kassel 2016, S. 3) etwa 725.000 m2 versiegelter Fläche für das Abstellen von PKW. Sicher sind einige dieser Parkplätze notwendig und gerechtfertigt, beispielsweise für Personen mit Handicap – doch in Anbetracht der Tatsache, dass ein Auto im Schnitt 23 Stunden pro Tag nicht genutzt wird, sondern steht und somit etwa 12 m2 (Gardyan 2018) Fläche einnimmt, könnte man doch diskutieren, ob das wirklich gerecht ist.

Besonders in Städten, wo es Öffentlichen Raum nicht unendlich gibt, sind die vielen Parkplätze problematisch. (Lies mehr zum Platzbedarf in der Stadt) Wenn mehr Menschen in Kassel ihr Auto verkaufen und stattdessen Carsharing, Fahrrad oder ÖPNV nutzen würden, könnte ein großer Teil dieser 725.000 m2 anders genutzt werden – für Spielplätze, Aufenthaltsräume, Straßenbäume oder breitere Radwege – welche dann direkt oder indirekt einen positiven Einfluss auf die Umwelt hätten. Radwege beispielsweise könnten mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf das Fahrrad animieren.

Übrigens: In der Gottschalkstraße können etwa 112 Pkw parken (eigene Erhebung). Bei 12 m2 pro Pkw entspricht dies einer Fläche von 1.344 m2.

Interaktion

Während der Aktion fragten wir Interessierte nach Orten in der Umgebung der Gottschalkstraße, an denen sie sich gerne oder eben nicht gerne aufhalten. Auf einer von uns erstellten Karte konnten Besucher*innen des Park_Stübchens kleine Klebepunkte verteilen.

Festzustellen ist, dass vor allem Straßen, die vom fließenden und ruhenden Verkehr geprägt sind, keine Aufenthaltsqualitäten für die Teilnehmer*innen aufzeigen. Grünflächen und Cafés hingegen sind Orte, an denen viele sich gerne aufhalten.

Bei unserer Aktion ging es darum, zu zeigen, dass der Öffentliche Raum, der uns allen gehört, auch anders genutzt werden kann und diskutiert werden soll, wie wir in Zukunft mit diesem umgehen wollen. Viele Bewohner*innen in Kassel haben keinen eigenen Garten und wenn wir draußen im Sommer an der Luft und in der Sonne sein wollen, gibt es nur den Öffentlichen Raum. Deswegen ist die Frage, ob die begrenzte vorhandene Fläche überwiegend dem PKW zustehen sollte, wichtig.

Hast du Dich schon gefragt, wie es vor Deiner Haustüre ohne parkende PKW aussehen könnte?

Wir wollten mit der Aktion genau diese Diskussion anregen, was uns im Nachhinein in Social Media Kanälen auch gelungen ist. Eine große Anzahl von Kommentaren auf verschiedenen Plattformen wurden geschrieben. Deutlich zu lesen ist, dass durch den Entzug eines Parkplatzes in einer Nebenstraße für drei Stunden der Blutdruck der Kasseler Autofahrenden in ungeahnte Höhen steigt. Wie wir es nur “wagen können, Parkplätze zu blockieren”, “dieses Pack sollte mal lieber anständig studieren” und weitere geistreiche Kommentare wurden geschrieben. Wir wissen, dass das Thema Verkehr ein sehr emotionales ist. Im Sinne einer konstruktiven Diskussion um die begrenzt verfügbaren Flächen in der Stadt freuen wir uns, beim nächsten Mal persönlich angesprochen, anstatt über Facebook beschimpft zu werden.

  • BMUB, B. für U., Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Salb, C., Gül, S., Cuntz, C., Monschauer, Y., & Beyschlag, L. (Hrsg.). (2017). Klimaschutz in Zahlen. Fakten, Trends und Impulse deutscher Klimapolitik. Ausgabe 2017. Abgerufen von http://www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/klimaschutz_in_zahlen_2017_bf.pdf
  • Bolund, P., & Hunhammar, S. (1999). Ecosystem services in urban areas. Ecological Economics, 29(2), 293–301. https://doi.org/10.1016/S0921-8009(99)00013-0
  • Burkart, K., Canário, P., Scherber, K., Breitner, S., Schneider, A., Alcoforado, M. J., & Endlicher, W. (o. J.). Interactive short-term effects of equivalent temperature and air pollution on human mortality in Berlin and Lisbon. Environmental Pollution, (183), 54–63.
  • Gardyan, A. (2018, Januar). Ruhender Verkehr. Anforderungen und Grundlagen der Planung. Kassel.
  • Givoni, B. (1991). Impact of planted areas on urban environmental quality: a review. Atmos. Environ., 25 B (3), 289–299.
  • Kowarik, I., Bartz, R., & Brenck, M. (Hrsg.). (2016). Naturkapital Deutschland – TEEB DE (2016): Ökosystemleistungen in der Stadt: Gesundheit schützen und Lebensqualität erhöhen. Berlin, Leipzig.
  • Schoen, L. (2017). Gesundheitsvorsorge im Klimawandel: Masterplan für Hitzewellen [Text]. Abgerufen 26. Januar 2018, von http://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/gesundheitsvorsorge-im-klimawandel-masterplan-fuer
  • Stadt Kassel (Hrsg.). (2016). Kassel Daten. Abgerufen von http://www.serviceportal-kassel.de/cms11/verwaltung/statistik/
    Ulrich, R. (1984). View through a window may influence recovery from surgery. Science, (224), 420–421.
  • Ulrich, R., Simons, R. F., Losito, B. D., Fiorito, E., Miles, M. A., & Zelson, M. (1991). Stress recovery during exposure to natural and urban environments. J. Environ. Psychol., (11), 201–230.
  • Wilke, S. (2013). Bodenversiegelung [Text]. Abgerufen 3. Juli 2018, von http://www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/boden/bodenversiegelung
  • WirtschaftsWoche. (2016). Parkende Pkw: In diesen Städten rauben Autos den meisten Platz. Abgerufen 4. Juli 2018, von https://www.wiwo.de/technologie/mobilitaet/parkende-pkw-in-diesen-staedten-rauben-autos-den-meisten-platz/14656794.html