Videoüberwachung

Michelle Nettles & Steffen Müller //  Teilhabe & Verdrängung // Lesezeit: 04 Min.

Anonymität bedeutet Freiheit. Die Freiheit sich im Öffentlichen Raum zu bewegen ohne erkannt zu werden. Das ist lange vorbei. Die Anzahl der Videoüberwachung ist Weltweit und in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen. Sich heute unerkannt durch die Stadt zu begeben ist kaum noch möglich, soll es auch nicht mehr sein. In naher Zukunft wird es nahezu unmöglich werden. Die Technik der Kameras und Erkennungssoftwares ist sehr fortgeschritten und im stetigen Prozess der Optimierung.

Was spricht für Videoüberwachung?

In einem Beschluss hat der Bundesrat entschieden und in einer anschließenden Stellungnahme veröffentlicht, dass es grundsätzlich keine Einwände gegen die Videoüberwachung gibt (Bundesrat, 2017).

Die Videoüberwachung bietet einen tatsächlichen Nutzen für die Polizei. Durch die Bilddaten kann die Polizei schneller reagieren und Einsatzkräfte gezielt vor Ort koordinieren. Verbrechen können im Nachhinein besser aufgeklärt werden. Die Aufklärungsquote hat sich nachweislich verbessert (Welsh & Farrington, 2003, 2004).

Mehrere Studien belegen deutlich, dass Videoüberwachung signifikant die Kriminalitätshäufigkeit senkt. Gerade bei der Videoüberwachung von Parkplätzen und Parkhäusern ist eine deutliche Abnahme, von bis zu 44%, bei  PKW-Diebstählen und Sachbeschädigung zu verzeichnen (Welsh & Farrington, 2003, 2004).

Im Sinne des Datenschutzes überprüft die Datenschutzbehörde in den jeweiligen Ländern die Einrichtung von neuen Anlagen und stellt damit sicher, dass der private Datenschutz gewahrt bleibt und sicherheitsrelevante Belange auch.

Die subjektive stärkung des Sicherheitsgefühls führt zu einer höheren attraktivität von Städten und vormals unsicheren Orten.

Was spricht gegen Videoüberwachung?

Der Deutsche Richterbund hinterfragte im November 2016 den Einsatz von Videoüberwachungen und ihre Effektivität in Bezug auf die Sicherheit des öffentlichen Raumes. Videoüberwachung in der Öffentlichkeit führt zu einer Grundrechtsverletzung der Bürger, die deren Anonymität einschränkt und für den Verlust ihrer Freiheit führt.(Florian Glatzner, 2006):

Die ständige Beobachtung schränkt unser subjektives Sicherheitsgefühl ein und beeinflusst das soziale Verhalten. Dieses Disziplinieren durch Beobachtung führt zu einer Verdrängung von anderen sozialer Gruppen ( Apelt, Maja und Norma Möllers (2011)), wie beispielsweise Jugendgruppen und führt unter anderem dazu, dass Delikte die zuvor an öffentlichen Plätzen ausgetragen wurden, folglich in den umliegenden Wohngebieten stattfinden und  sich in die Stadtteile verteilen (Peter Ullrich & Marco Tullney, 2012). Eigentlich belegen Studien nur, dass das Etablieren eines Videoüberwachungsgesetztes keinen deutlichen Rückgang der fahrzeugspezifischer Kriminalität aufweist und sich auf bestimmte PKW-Diebstähle (Ana Cerezo 2013 und Andrew Reid und Martin Anderson 2014) beschränkt. Straftaten werden schneller gelöst, werden aber nicht maßgeblich verhindert.

Ist der Öffentliche Raum noch anonym?
ein Kommentar

Anonymität bedeutet Freiheit. Die Freiheit sich im Öffentlichen Raum zu bewegen ohne erkannt zu werden. Das ist lange vorbei. Die Anzahl der Videoüberwachung ist Weltweit und in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen. Sich heute unerkannt durch die Stadt zu begeben ist kaum noch möglich, soll es auch nicht mehr sein. In naher Zukunft wird es nahezu unmöglich werden. Die Technik der Kameras und Erkennungssoftwares ist sehr fortgeschritten und im stetigen Prozess der optimierung. Sogenannte Bildauswertungsverfahren identifizieren Menschen nicht mehr nur an der Geometrie ihres Geschichts sondern auch an Hand ihres Gangs oder der Farbe und passgenauigkeit ihrer Kleidung. Automatisch werden Kameras in Zukunft Menschen identifizieren. Staatliche und private Überwacher sehen das als Vorteil um Geld für Personal zu sparen. Wahrhaftig stehlen Sie uns allen die Anonymität und damit ein Stück Freiheit.

Die subjektive Angst vor Überfällen und Terror veranlasst einen großen Teil Bevölkerung mehr Videoüberwachung zu fordern (Civey, 2017). Der weitere Gedenkgang was das für einen Selbst und unsere Gesellschaft bedeutet geht unter in der Hysterie der Angst. Befeuert durch Medien und Politiker die sich darauf verstehen Ängste zu schüren.

Es geht wie so häufig um Symbolik, zu Zeigen wer schnell Handelt und damit ein subjektives Sicherheitsgefühl zu schaffen.

Kriminalität und Terror können und werden nicht durch Videoüberwachung verhindert. Es sind gesellschaftliche Probleme und nicht durch Technik eingrenzbar. Es gibt viele andere Möglichkeiten dem zu begegnen. Die Kameraüberwachung ist die billigste Methode mit dem geringsten Erfolg. Sie verhindert keine Straftaten sondern schaut nur zu. Aber sie wird ohne zu denken benutzt um eben erwähnte subjektive Empfindungen zu stärken. Es ist aber ein zu hoher Preis denn wir zahlen. Durch die Angst vor Terrorismus begraben wir unsere Freiheit.

Und mal Nebenbei: Wer rational darüber nachdenkt kommt schnell zu der Erkenntnis, dass Selbstmordattentäter, aus nachvollziehbaren Gründen, es egal ist ob Sie gefilmt werden.

Der erste Schritt muss sein sich zu überlegen was mit uns, unserem Leben und den Öffentlichen Räumen passiert. Was erwarten wir von unseren Räumen. Wie soll unsere Zukunft aussehen? Massenhafte Überwachung kann es nicht sein. Das ist nicht die Gesellschaft in der es sich zufrieden lebt.

  • Bundesrat. (2017). Beschluss & Stellungnahme Drucksache 791/16, Videoüberwachungsverbesserungsgesetz
  • Welsh, B. C. & Farrington, D. P. (2003). Effects of closed-circuit television on crime. Annals of the American Academy of Political and Social Science, 587, 1, 110-135.
  • Welsh, B. C. & Farrington, D. P. (2004). Evidence-based crime prevention: The effectiveness of CCTV. Crime Prevention and Community Safety: An International Journal, 6, 2, 21-33.
  • Apelt, Maja und Norma Möllers. (2011). »Wie ›intelligente‹ Videoüberwachung erforschen? Ein Resümee aus zehn Jahren Forschung zu Videoüberwachung«. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 4.4, S. 585–593.
  • Cerezo, A. (2013). CCTV and crime displacement: A quasi-experimental evaluation. In: European Journal of Criminology, 10(2), S. 222 ff.
  • Glatzner, Florian (2006). Die staatliche Videoüberwachung des öffentlichen Raumes als Instrument der Kriminalitätsbekämpfung – Spielräume und Grenzen
  • Ullrich, Peter; Tullney, Marco. Die Konstruktion ‚gefährlicher Orte‘. In: sozialraum.de (4) Ausgabe 2/2012.
  • Civey Umfrage. (2017).  Befragungszeit: 20.08.17 – 06.09.17, Stand: 06.09.17. unter: https://civey.com/umfragen/ausweitung_videoueberwachung_mehrheit_dafuer_umfrageergebnis, (abgerufen: 25.06.18)